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Der Onlinekatalog der Zentralen

*** Willkommen bei unserem Adventskalender! ***

Hinter jeder Kugel unseres musikalischen Adventskalenders verbirgt sich ein anderer politischer Song. Von jedem Song werden zunächst nur ein paar Liedzeilen veröffentlicht, anhand derer es dann zu erraten gilt:

- Wie lautet der Liedtitel?
- In welchem Jahr wurde es erstmals auf Flugblättern verbreitet?
- Wer hat es erstmals in einer Volkslieder-Sammlung veröffentlicht?

Viel Spaß beim Mitraten!

SONG 6

> Auflösung

 

DIE GEDANKEN SIND FREI

1780 zum ersten Mal auf Flugblättern verteilt
1810 mit einer Melodie versehen
1820 in "Lieder der Brienzer Mädchen" in Bern gedruckt
1842 von Hoffmann von Fallersleben in seiner Sammlung "Schlesische Volkslieder" veröffentlicht

 

1. Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

2. Ich denke, was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still,
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

3. Ich liebe den Wein,
mein Mädchen vor allen,
sie tut mir allein
am besten gefallen.
Ich bin nicht alleine
bei meinem Glas Weine,
mein Mädchen dabei:
die Gedanken sind frei.

4. Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke;
denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
die Gedanken sind frei.

5. Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
die Gedanken sind frei.

 

ZUR ENTSTEHUNG

Die Grundidee für das Volkslied "Die Gedanken sind frei" kuriserte bereits seit vielen Jahrhunderten, so findet sich das Kernmotiv schon im 13. Jh. unter anderem bei Freidank, einem süddeutschen Sinnsprücheschreiber sowie Walther von der Vogelweide.

In schriftlicher Form wurde der Text auf Flugblättern zum ersten Mal um 1780 verbreitet, die Melodie kam erst um 1810 hinzu, der Komponist ist unbekannt. 1842 wurde das Lied dann von Hoffmann von Fallersleben in seiner Sammlung "Schlesische Volkslieder" veröffentlicht.

"Die Gedanken sind frei": Ende des 18. Jahrhunderts in Zeiten des Absolutismus, als die Menschen sich auflehnten gegen die Obrigkeit, eine politisch hochbrisante Aussage. Kritische Äußerungen, welche Ungerechtigkeiten ansprachen und die geistliche oder weltliche Macht in Frage stellten, konnten mit Kirchenbann oder Gefängnis geahndet werden. Und später in Zeiten des Nationalsozialismus  wurde man sogar für das Erzählen bestimmter Witze oder dem Singen verpönter Lieder ins Gefängnis oder ins Zuchthaus geworfen. Die Nationalsozialisten hatten die jedoch Brisanz des Liedes "Die Gedanken sind frei" nicht erkannt und es in ihre Liederbücher aufgenommen. Hier macht das Lied Mut: Mein Wunsch und Begehren, kann niemand verwehren, es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei. 

Freiheit im Denken war, und ist auch heute noch, nicht selbstverständlich. Umso mehr braucht es in Zeiten politischer Unterdrückung oder Gefährdung solcher Lieder, die der Sehnsucht nach Freiheitund Unabhängigkeit Ausdruck verleihen. Weil das Konzept der Gedankenfreiheit seit der Aufklärung unterdrückten Völkern und Individuen Trost und Hoffnung spendete, hat das Lied viele Umdichtungen und Aktualisierungen erfahren und erfreut sich bis heute großer Beliebtheit.

Bei vielen Anlässen gesungen

Sophie Scholl hat mit dem Lied ihren offenen Widerstand gegen das NS-Regime eingeläutet. "Schluss. Jetzt werde ich etwas tun" soll sie Freunden gegenüber im Sommer 1942 erklärt haben. Dann schnappte sie sich die Blockflöte, stellte sich abends an die Gefängnismauer und spielte ihrem wegen hitlerkritischer Äußerungen inhaftierten Vater vor den Gefängnismauern "Die Gedanken sind frei" vor.

Am 9. September 1948, auf dem Höhepunkt der Berlin-Blockade, hielt Ernst Reuter vor über 300.000 Berlinern vor der Ruine des Reichstagsgebäudes seine Rede an "die Völker der Welt",  in der er appellierte, die Stadt nicht preiszugeben. Nach dieser Rede erklang spontan aus der Menge u. a. das Lied "Die Gedanken sind frei".

2015 wurde das Lied nacheinander in 11 Städten von 300 elsässischen Künstlern als Reaktion auf den Überfall auf Charlie Hebdo und die Ermordung von Redakteuren gesungen..

Dies sind nur ein paar wenige Beispiele für den vielfältigen Einsatz des Liedes. Es gibt wohl kaum ein Volkslied, das in so vielen Liederbüchern veröffentlicht wurde und so oft von Rock- und Punkmusikern gecovert wurde wie "Die Gedanken sind frei".